Soll ich den Fernseher ganz abschaffen?


Die Frage kommt selten aus Abneigung gegen das Fernsehen. Sie kommt, wenn die eigenen Regeln nicht halten. Dieser Artikel nimmt beides ernst und sagt auch, was passiert, wenn von heute auf morgen Schluss ist.
Wenn Regeln nicht halten, wirkt der Radikalschnitt verlockend. Was in den ersten Tagen danach passiert, was er löst – und was er kostet.

Was passiert, wenn der Fernseher von heute auf morgen weg ist

Bevor Sie den Stecker ziehen, sollten Sie wissen, was in den Tagen danach kommt – sonst deuten Sie es falsch.

Kinder reagieren auf einen plötzlichen Wegfall meistens mit Gereiztheit, mit Quengeln, mit deutlich schlechterer Laune. Das kann ein paar Tage dauern, bei kleineren Kindern manchmal länger. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Entzug, und genau so wird es oft gedeutet: Seht her, es war doch eine Abhängigkeit.

Diese Deutung ist voreilig. Was Sie sehen, ist zunächst der Verlust einer verlässlichen Beschäftigung und einer festen Gewohnheit – und die Reaktion darauf, dass etwas ohne Ankündigung verschwunden ist. Ein Kind, dem Sie sein Lieblingsspielzeug oder den täglichen Spielplatzbesuch von heute auf morgen streichen, reagiert ähnlich.

Was daraus folgt, ist nichts Dramatisches, sondern etwas Praktisches: Rechnen Sie mit ein paar schwierigen Tagen, erschrecken Sie nicht darüber, und ziehen Sie daraus keine Diagnose. Lässt die Gereiztheit allerdings nach Wochen nicht nach und hat auch alles andere keinen Reiz mehr, ist das ein anderes Thema – beim Einordnen hilft Ist mein Kind handysüchtig?.

Fernseher abschaffen oder Regeln ändern?

Wer überlegt, den Fernseher abzuschaffen, hat sich in der Regel nicht plötzlich gegen das Fernsehen entschieden. Der häufigere Anlass ist ein anderer: Die Regeln, die es gibt, halten nicht. Mal ist es eine halbe Stunde mehr, weil gerade Ruhe im Haus sein muss. Mal läuft der Fernseher nebenbei, weil es einfacher ist. Und irgendwann steht die Frage im Raum, ob es nicht ehrlicher wäre, das Gerät ganz aus dem Wohnzimmer zu schaffen.

Das ist eine nachvollziehbare Überlegung, und sie verdient eine Antwort ohne erhobenen Zeigefinger. Denn was hier eigentlich gesucht wird, ist keine Erziehungsmethode, sondern eine Entscheidung, die man nicht jeden Tag neu treffen muss. Der Schnitt ist attraktiv, weil er die tägliche Verhandlung beendet – nicht, weil das Gerät das Problem wäre.

Diese Einsicht ist ernüchternd, aber sie ist der Anfang jeder brauchbaren Lösung: Es geht um die Durchsetzbarkeit, nicht um den Fernseher.

Abschaffen oder aushandeln – die ehrliche Gegenüberstellung

WegWas es bringtWas es kostet
Abschaffenkeine tägliche Verhandlung mehr; die Entscheidung ist einmal getroffen und giltdas Kind lernt nichts über den eigenen Umgang mit Medien; die Frage kehrt beim nächsten Gerät zurück
Aushandelndas Kind übt, sich an eine Menge zu halten – die Fähigkeit, um die es langfristig gehtverlangt Beständigkeit über Monate, und genau daran ist es bisher gescheitert; Diskussionen und Rückfälle gehören dazu

Beide Spalten stimmen. Der Schnitt ist kein Versagen und das Aushandeln kein Selbstläufer. Was die Wahl erleichtert, ist die Frage nach dem Alter: Bei einem Vierjährigen ist ein Haushalt ohne laufenden Fernseher unkompliziert und hat keine sozialen Folgen. Bei einem Zwölfjährigen entscheiden Sie damit auch darüber, ob er mitreden kann, wenn es in der Schule um eine Serie geht.

Das Gerät ist nicht die Zeit

Hier liegt der Punkt, an dem der Radikalschnitt in den meisten Haushalten sein Ziel verfehlt.

Wenn der Fernseher geht und Tablet, Smartphone, Laptop und Konsole bleiben, ist keine Bildschirmzeit verschwunden. Sie ist umgezogen – oft in kleinere Geräte, die schwerer zu überblicken sind, weil sie nicht mehr im Wohnzimmer stehen, sondern im Kinderzimmer, unter der Bettdecke, auf dem Schulweg.

Dabei wird leicht übersehen, dass der Fernseher unter allen Bildschirmen der harmloseste ist – nicht wegen seiner Inhalte, sondern wegen dreier Eigenschaften, die kein Smartphone hat. Er ist stationär: Er wandert nicht mit ins Bett und nicht in den Bus. Er ist sichtbar: Was dort läuft, bekommen Sie im Vorbeigehen mit, ohne kontrollieren zu müssen. Und er ist gemeinschaftlich: Meistens sitzt jemand daneben, und über das Gesehene lässt sich sprechen. Wer ihn abschafft und die anderen Geräte behält, tauscht also den Bildschirm, den er überblickt, gegen die, die er nicht überblickt.

Wer abschaffen will, sollte sich vorher ehrlich fragen, welchen Anteil dieses eine Gerät am Gesamtkonsum wirklich hat. Wenn es der kleinere ist, löst seine Abschaffung nicht das Problem, sondern verschiebt es – und man hat den Konflikt trotzdem gehabt.

Wenn es doch der Schnitt sein soll: wie

Die Entscheidung kann trotzdem richtig sein, gerade bei kleineren Kindern und in Familien, in denen der Fernseher tatsächlich den größten Teil ausmacht. Dann macht die Ausführung den Unterschied:

  • Ankündigen statt über Nacht. Ein Datum in zwei Wochen, das feststeht. Das gibt allen Zeit, sich darauf einzustellen, und nimmt dem Ganzen den Charakter einer Strafe.
  • Mit einem Ersatzprogramm. Nicht als Trostpflaster, sondern weil sonst genau die Stunde fehlt, die bisher wie von selbst gefüllt war – und die Frage nach dem Fernseher jeden Nachmittag von neuem kommt.
  • Mit dem Rest der Familie besprochen. Der Fernseher gehört selten einer Person allein. Wenn der Partner abends fernsehen möchte oder ein älteres Geschwisterkind nicht einsieht, warum es für die Kleine mitbüßen soll, entscheidet das über Erfolg oder Scheitern – und zwar mehr als jedes Argument gegenüber dem Kind.
  • Mit einer klaren Ansage, was mit den anderen Geräten ist. Sonst ist die Umleitung schon eingerichtet, bevor der Fernseher aus dem Zimmer ist.

Und eine Erwartung sollte man gleich mit ablegen: Ein abgeschaffter Fernseher macht aus einem Kind, das sich schwer selbst beschäftigt, kein Kind, das sich leicht selbst beschäftigt. Das ist eine eigene Entwicklung, die Wochen braucht.

Fernseher behalten – aber anders nutzen

Zwischen „bleibt alles“ und „kommt weg“ liegt der Bereich, in dem die meisten Familien landen – und das ist kein fauler Kompromiss, sondern häufig die haltbarere Lösung:

  • Der Fernseher bleibt, aber nicht im Kinderzimmer. Ob ein eigenes Gerät ins Kinderzimmer gehört, ist eine Frage für sich; im Wohnzimmer bleibt der Konsum jedenfalls sichtbar.
  • Feste Anlässe statt Dauerbetrieb. Nicht „eine Stunde am Tag“, sondern „Freitagabend ist Filmabend“. Ein Anlass ist leichter zu halten als eine Menge, weil er nicht jeden Tag neu bemessen werden muss.
  • Nicht nebenbei. Der laufende Fernseher am Nachmittag, während niemand wirklich zusieht, ist der Teil, den man am leichtesten streichen kann – und den am wenigsten jemand vermisst.
  • Ein fester bildschirmfreier Tag für alle, an dem die Frage gar nicht erst aufkommt.

Der Vorteil dieser Wege: Sie scheitern nicht so leicht an der eigenen Inkonsequenz, weil sie weniger tägliche Entscheidungen verlangen. Genau darum ging es ja von Anfang an.

Wenn Sie stattdessen bei einer Zeitregel bleiben möchten und nur nicht wissen, nach welchem Muster – die vier gängigen Modelle vergleicht Tageslimit oder Wochenkontingent?

Kurz gefasst: Die dauerhaft tragfähige Lösung ist selten das Abschaffen. Es sind wenige Regeln, die ohne tägliche Neuverhandlung auskommen.